TIMO VOLLBRECHT

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LETZTENDLICH DRÜCKEN WIR MIT DER MUSIK DOCH DAS AUS, WAS UNS TIEF IM HERZEN UND DER SEELE BERÜHRT

  • Intro
  • Veröffentlichungen
Timo Vollbrecht
saxophone, clarinet
Keisuke Matsuno guitar
Sam Anning bass
Jason Burger drums
Chris Dingman vibraphone

Auch wenn Timo Vollbrecht der erste Profi-Musiker in seiner Familie ist, wurde ihm ein Teil seines Talents schon in die Wiege gelegt – wuchs er doch in einem „Haus der Künste“ auf. „Mein Großvater besaß einen alten Steinway-Flügel und war ein leidenschaftlicher Musikliebhaber, während meine Mutter passionierte Ballet-Tänzerin war“, erinnert sich Vollbrecht. Auch an sein erstes „Instrument“ denkt er gerne zurück: ein Spielzeug-Saxofon, das ihm sein Vater mitbrachte. „Wenn er seine Platten auflegte, habe ich dazu Playback gespielt. Das reichte mir aber irgendwann nicht mehr. Also bettelte ich so lange, bis ich ein richtiges Saxofon bekam“, schmunzelt Vollbrecht.

Timo wächst in Stadthagen auf – einer kleinen Stadt in der Nähe von Hannover. „Eigentlich gab es dort nicht viel Spannendes – bis auf einen Musiklehrer, der in seinem Job Berufung sah und uns unter seine Fittiche nahm. Die Schule hatte sogar eine Bigband, in der ich unbedingt spielen wollte. So geriet ich zwangsläufig an Jazz-Kompositionen und da ich ja Saxofonist war, brauchte ich natürlich CDs, um mich inspirieren zu lassen. Ich bin dann einfach in den nächsten Laden gerannt und schnappte mir das nächste Album mit einem Saxofon auf dem Cover“, berichtet Vollbrecht. Ein guter Griff, wie sich schnell herausstellte - denn Interpret des Albums war niemand Geringeres als Sonny Rollins.

Neben Rollins sind es weitere Jazz-Legenden wie Miles Davis, John Coltrane oder Wayne Shorter, die tiefen Eindruck beim Jung-Saxophonisten hinterlassen. Wie ein Schwamm saugt Vollbrecht neue Eindrücke und Sounds auf. Eine Offenheit, die er sich bewahrt hat. „Heute sind es vor allem meine Spielkameraden, die einen großen Einfluss auf mich haben. Mark Turner zum Beispiel, mit dem ich zusammen studiert habe und dessen Musik ich außerordentlich schätze. Oder der Vibraphonist Stefon Harris, aber auch Bands außerhalb des Jazz wie Radiohead.“

 Alle diese Einflüsse ergeben die vollbrechtsche, energiegeladene Mixtur, deren Wurzeln im Jazz liegen, aber auch Elemente von Post-Rock, Indie-Rock und Minimalismus enthalten,  ebenso Einflüsse der klassischen Musik. Ein enorm breiter und spannender Mix, den Vollbrecht auf seinem Debut-Album präsentiert.  Die meisten Kompositionen darauf stammen aus seiner Feder. „Für mein erstes Album als Bandleader wollte ich mir Zeit nehmen“, erklärt der 29-Jährige. Die Stücke konnten sich über Jahre entwickeln und reifen. „In diese Zeit fiel eine lange Tour durch Lateinamerika, die mir enorm geholfen hat, die Stücke in Form zu gießen. Alle Kompositionen klingen sehr unterschiedlich. Natürlich haben sie alle einen verbindenden Charakter, letztendlich repräsentieren sie aber sehr eigene, unterschiedliche Welten. Jede Komposition hat ihre eigene Farbe, eine einzigartige Melodie, einen individuellen Groove und eine spezielle Geschichte.“

FACES IN PLACES (2018)

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Auch ohne die Geschichten hinter den einzelnen Stücken zu kennen, ist Timo Vollbrechts neues Album Faces in Places ein Hinhörer. Kombiniert mit den Hintergrundgeschichten wird aus dieser großartigen Musik ein beeindruckendes Erlebnis. Fly Magic heißt die Band, in der Vollbrecht (Saxofon) auf Keisuke Matsuno (Gitarre), Elias Stemeseder (Klavier und Keyboards), Martin Nevin (Bass) und Jason Burger (Schlagzeug) trifft. Zusammen haben sie ein Album eingespielt, dessen Stücke ebenso aufregend wie raffiniert und authentisch sind.

„Jedes Stück ist einem Menschen gewidmet, dem ich begegnet bin – oder es ist von ihm inspiriert“, erklärt Vollbrecht das Konzept des Albums und ergänzt: „In den vergangenen Jahren sind wir auf unseren Tourneen viel herumgekommen. Nahezu überall auf der Welt sind wir faszinierenden Menschen begegnet, die uns auf ganz unterschiedliche Weise beeindruckt haben. Als wir wieder zuhause waren, kam mir die Idee, Songs über sie zu schreiben. Das erste Stück war Muhammad.

“Die Geschichte dazu beginnt im syrischen Aleppo im Jahr 2010. Am Morgen nach einem Konzert bricht Vollbrecht zu einem Spaziergang auf und beobachtet die vielen Händler, die gerade ihren Läden öffnen. Als er irgendwann die Orientierung verliert, spricht er einen freundlich dreiblickenden Mann an. Es ist Muhammad, der seine Arbeit sofort unterbricht. „Er hat mir eine Stunde seiner Zeit geschenkt. Nicht nur, um mir den richtigen Weg zurück, sondern auch, um mir die Innenstadt zu zeigen“, erinnert sich Vollbrecht und erklärt: „Für ihn habe ich dieses Stück geschrieben und versucht, den Stolz und die Würde, die Muhammad ausgestrahlt hat, in die Melodie einzuarbeiten. Leider haben wir keine Telefonnummern oder Mailadressen ausgetauscht. Seit den fürchterlichen Bombardements habe ich mich oft gefragt, was aus ihm wohl geworden ist.“

Espacio hat Vollbrecht Dorivan gewidmet, einem Flötisten aus Kambodscha, mit dem die Band während eines Projekts in Phnom Penh zusammengearbeitet hat. Ein wahrer Meister auf der Khloy – einer alten, traditionellen Bambusflöte. Das Stück ist von den langsamen, anmutigen Bewegungen der Khmer-Tänzerinnen inspiriert. „Gleichzeitig bezieht es sich aber auch auf die ewige Leere, die wir nach dem Besuch des Genozid-Museums in der kambodschanischen Hauptstadt gespürt haben“, so Vollbrecht.

Mit Tiffany ist eine „liebe Freundin aus Singapur gemeint, die unser Konzert im Sing Jazz Club besucht und uns anschließend noch mit auf einen Abstecher in die wuselige, farbenfrohe und eindrucksvolle City genommen hat.“ 

Schaumburg wiederum ist eine Ode an Vollbrechts Heimat, den gleichnamigen Landkreis in Niedersachsen nahe Hannover. Da er inzwischen in New York City lebt, „drückt das Stück zum Einen die Freude und Erleichterung aus, wenn ich nach Hause komme, zum Anderen aber auch das Gefühl der Sehnsucht, wenn ich nicht dort bin“, erklärt der Saxofonist. Während ihrer Tour durch Südamerika verbrachte die Band auch einige Tage in Chile. „Dort haben wir bei Francisco gewohnt – einem warmherzigen, geradezu überschwänglichen Gentleman, der Musik liebt. Auf dem Dach seines Hauses in der Hafenstadt Valparaíso haben wir die ganze Nacht Musik gemacht – was die Nachbarn nicht sonderlich goutierten“, schmunzelt Vollbrecht.

In Malaysia trafen die Musiker auf Mala – eine junge, stolze Muslima aus Kuala Lumpur. Die Begegnung mit ihr fiel genau in die Zeit, als Mala sich dazu entschieden hatte, ihr Kopftuch abzulegen – selbst auf die Gefahr hin, dafür gesellschaftlich kritisiert zu werden. „Das Stück Mala’s World ist allen Frauen gewidmet, die den Mut haben, ihr Leben in männerdominierten Gesellschaften in die eigene Hand zu nehmen und sich für Religions- und Meinungsfreiheit einzusetzen.“

All diese Stücke bezeichnet Vollbrecht nicht als „politisch“ im klassischen Sinne. Der Saxofonist sieht in seiner Musik eher ein mächtiges Werkzeug. „Da die Band häufig tourt, diskutieren wir natürlich darüber, was gerade passiert. Über das Erstarken der Populisten zum Beispiel mit den Parolen von US-Präsident Trump, über die AfD in Deutschland oder das, was sich in Österreich gerade abspielt. Diese Entwicklungen bereiten uns Sorge. Und da ist Musik ein wichtiges, großartiges Mittel, um die Hörer mit anderen Perspektiven und Sichtweisen vertraut zu machen“, unterstreicht Vollbrecht.

Die Musiker des Quintetts umgibt ein enges Band – auf und abseits der Bühne. Sie alle sind Teil einer Jazzgemeinde, deren Mitglieder sich gegenseitig helfen und inspirieren. Mit Keisuke Matsuno arbeitet Vollbrecht schon viele Jahre zusammen. Der Gitarrist ist ein Klangzauberer, der es versteht, seinem Instrument wirbelnde, ätherische Klänge zu entlocken. Elias Stemeseder ist ein erfahrener, äußerst kreativer Pianist und Keyboarder, der es mit seinen Improvisationen immer wieder schafft, sein Publikum zu überraschen. Martin Nevin zählt zu den gefragtesten Bassisten im Big Apple, der mit seinem warmen, gefühlvollen Sound den Rhythmus der Band prägt – zusammen mit Jason Burger, dessen Schlagzeugspiel gleichermaßen wandlungsfähig wie innovativ ist.

Timo Vollbrecht und sein Ensemble zählen zu den aufgehenden Sternen am Jazzhimmel. „Eigentlich gibt es keine Schublade für unsere Art von Musik. Aber ich wenn ich danach gefragt werde, würde ich sie am ehesten als eine Mischung aus Jazz, Avantgarde, Post- und Indie-Rock, sowie Folk und zeitgenössischer klassischer Musik bezeichnen. Daraus entstehen Klanglandschaften wie aus einer anderen Welt.“

Oder – wie es der US-Vibraphonist Stefon Harris beschreibt: „Weil bei ihm so viele unterschiedliche Einflüsse zusammenkommen, sprengt Timo Vollbrecht die üblichen Grenzen der Musik-Genres.“ Die Presse lobt den jungen deutschen Saxofonisten in den höchsten Tönen. Der Hot House Jazz Guide bescheinigt ihm „bemerkenswertes Talent“, während der Norddeutsche Rundfunk in ihm eine „echte Entdeckung“ sieht. Mit seinem Album Faces in Places erfüllt er die ihn gesetzten, hohen Erwartungen mühelos.


FLY MAGIC (2016)

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So ist …Pretty Now hörbar vom Minimalismus beeinflusst – von Musikern wie Steve Reich, Philip Glass und John Hollenbeck, bei dem Vollbrecht in Berlin Unterricht nahm. Slothchops  dagegen ist eine Kritik an der Erfolgs- und Wettbewerbsgesellschaft, in der wir leben.  „In der Jazz-Szene ist dieses Verhalten – das Jeder versucht, den Anderen auszustechen – besonders ausgeprägt. Das kann doch nicht Sinn der Sache sein“, findet Vollbrecht.  „Das Faultier ist ein faszinierendes Geschöpf, weil es sich atypisch verhält. Seine Trägheit ist quasi seine Waffe: wenn es mal gefährlich wird, bewegt es sich einfach nicht. Deswegen ist die Bezeichnung „Slothchop“ ein Kompliment. Sie bezeichnet sie einen Menschen, mit großer musikalischer Sachkenntnis und einer tiefen Verbundenheit zur Musik.“

Paco ist eine Hommage an den Gitarristen Paco de Lucia und entstand, als Vollbrecht in Barcelona lebte und gemeinsam mit Flamenco-Musikern auftrat – eine Zeit, an die er sich gerne zurückerinnert. Zu Truffles wiederum wurde der Jung-Saxofonist von seinem Großvater inspiriert, einem Konditor, der sein Handwerk bis heute zelebriert.

Typisch für Vollbrechts Kompositionen ist der große Spielraum, den er seinen Bandmitgliedern lässt. Er gibt als Bandleader nur den Rahmen vor, den seine  Spielgefährten für spontane Entdeckungsreisen nutzen. Denn nur dann, ist  Vollbrecht überzeugt, kann der Funke zünden, können Momente voller Magie entstehen.

Vollbrechts musikalische Kollaborateure sind der Gitarrist Keisuke Matsuno, der als Sohn japanischer Eltern in Berlin aufwuchs, inzwischen aber in Brooklyn/New York lebt. Vollbrecht bezeichnet ihn nicht nur als „besten Freund“, sondern auch als „Soundmagier,  der es wie kein Anderer versteht, stimmungsvolle Klangteppiche zu weben.“ Bassist Sam Anning kommt aus Australien und lief Vollbrecht in New York über den Weg. „Als Bassisten liebe ich an ihm vor allem, dass er einen so unglaublich guten musikalischen Geschmack hat und enorm facettenreich spielen kann - von kraftvoll bis zart. Sehr gefühlvoll eben – und er ist ein wirklich toller Typ.“ Jason Burger am Schlagzeug ist das Nesthäkchen in der Band und beeindruckt vor allem durch seine schier unbändige Energie.  „Ein Enfant Terrible, aber trotzdem geschmackssicher,  mit einem ausgezeichneten Gespür für Gefühl und Timing.“

Bei der Auswahl seiner Musiker legt Vollbrecht großen Wert darauf, dass er mit ihnen auch persönlich auf einer Wellenlänge liegt. „Denn letztendlich drücken wir mit der Musik doch das aus, was uns tief im Herzen und der Seele berührt – das funktioniert nur  besonderen Menschen“, unterstreicht Vollbrecht.

New York ist zur musikalischen Heimat des Quartetts geworden, das aber auch schon auf Auftritte in Berlin, Panama, Haiti, der Dominikanischen Republik, Australien und Singapur zurückblicken kann. Besonders im Gedächtnis ist Timo jedoch ein Erlebnis in Palästina geblieben. „Wir haben auf einem Dach in Ramallah improvisiert als im gleichen Moment der Muezzin der benachbarten Moschee mit seinem Gebet begann. Wir haben dann seinen Gesang spontan in unsere Musik integriert. Das war eine der magischsten Momente, die ich als Musiker bisher erleben durfte“.

Das Publikum spielt für Timo Vollbrecht eine wichtige Rolle. Er nimmt seine Zuhörer ernst – etwas, was man wahrlich nicht von allen Musikern behaupten kann. „Das mag vielleicht ein bisschen esoterisch klingen, aber dem Publikum kommt eine entscheidende Bedeutung bei“, sagt Vollbrecht und erklärt: „Es ist eine wechselseitige Beziehung aus Geben und Nehmen – selbst in Momenten, in denen die Besucher passiv zu sein scheinen, es in Wahrheit aber gar nicht sind. Deswegen versuche ich, jeden einzelnen Zuschauer mit mindestens einem Stück direkt zu erreichen. Selbst wenn es tatsächlich nur ein einziges Stück ist, bei dem es zu einer solchen unmittelbaren Verbindung kommt, ist das eine sehr wertvolle Erfahrung, die weit mehr ist, als pure Unterhaltung. Natürlich ist Unterhaltung an sich großartig, hier geht es aber vor allem um Ehrlichkeit. Wir stellen uns doch auch so auf die Bühne wie wir wirklich sind und verhalten uns entsprechend. Wer sich verstellt, fliegt schnell auf.“

New York mit seinen zahlreichen, unterschiedlichen Facetten ist für Vollbrecht eine enorme Inspiration. „Es schärft deine musikalischen Antennen und hält dich auf Trab“, erklärt der Saxofonist. In Berlin empfindet er das Grundtempo zwar als etwas langsamer, dafür schätzt er die Spree-Metropole wegen ihrer enorm kreativen und dynamischen Musik-Szene. Dieser Szene fühlt sich Vollbrecht bis heute zugehörig, auch wenn er sich grundsätzlich eher als Europäer denn als Deutscher sieht. Immerhin: eine wichtige Verbindung in seine Heimat besteht bis heute. Sein Großvater, der Konditor, hat eine besondere Vorliebe, seinem Enkel die Tage zu versüßen. Mit selbst gemachten Pralinen, die er Timo per Päckchen hinterher schickt. Wenn es sein muss, über den halben Erdball. 


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